Pas de deux – oder doch mehr?

Ein schreibender Mensch und sein Buch, Schöpfer und Geschöpf – ein Pas de deux?

Wenig nur ist inniger als der Akt des Schreibens. Wenn ich ein Buch schreibe, Figuren ins papierne Leben rufe, sie ihr Schicksal erleben lasse, mit ihnen lache und weine, dann entnehme ich aus meinem eigenen Selbst das Material und verwebe es mit meinen Erfahrungen und Beobachtungen, die ich der Außenwelt entnahm. Etwas ganz Neues entsteht, etwas, das unverwechselbar „meins“ ist, originell ist. Viel Zeit wende ich dafür auf. Ich gebe meinem Geist die Zügel frei, und erfreue mich an dem, was er von seinem Ritt zu mir zurückbringt.

Doch ist das wirklich nur ein Tanz zu zweit, ein Pas de deux?

In Wahrheit, ganz nüchtern betrachtet, ist, um es mal leicht zu übertreiben, die halbe Welt beteiligt. Ja! Von wem wurden denn der PC und die Tastatur erschaffen, die Software? Vom wem der Bleistift und der Schreibblock? Nicht von mir. Allein mit dem Niederschreiben ist es nicht getan. Ich brauche meinen Verlag, dieser wiederum die Druckerei. Fahrzeuge sind vonnöten, die die Bücher dann transportieren. Buchhändler sind involviert. Und auch all das, was ich jetzt vergesse zu erwähnen.

Und weitaus vorher noch sind da ganz wichtige Leute mit im Spiel: meine Testleser! Die sagen mir klipp und klar, wo ich einen Logikfehler gemacht habe oder zu viel/zu wenig geschrieben habe. Und, ganz wichtig, sie finden auch die Fehler, für die ich betriebsblind war.

Einer fehlt noch. Die wichtigste Person überhaupt.

Der Mensch, der mein Buch entdeckt, kauft und liest! Und auch dieser Mensch ist dann ein Schöpfer, weil in seinem lesenden Geist meine Buchfiguren etwas anders aussehen als in meiner Vorstellung, ihre Stimmen klingen anders, die Geschichte wird vielleicht ein wenig anders gewichtet, gewertet und verstanden, als es bei mir der Fall ist.

Das Buch entsteht auf neue Art, Lesen ist ein kreativer Akt. Das Buch und sein Leser, eine innige Beziehung …

Ein Schriftsteller ist keiner ohne sein Buch.

Das Buch kann nicht sein, ohne die Feder des Schreibenden, ohne den Kuss der Muse.

Das Buch erwacht erst dann „zum Leben“, zu seinem eigentlichen Lebenszweck, wenn es von einem Dritten gelesen wird. Der Leser schließt den Kreis.

Alle guten Dinge sind drei!

Wenn alles gut läuft, wird das Buch nicht nur gelesen, sondern auch wertgeschätzt, gar geliebt.

 

Mission erfüllt.