Ich hätte gern meine Illusionen zurück!

Das habe ich nun davon. Kürzlich schaute ich auf Arte einen kritischen Bericht über „FairTrade“. Nun muss ich mich ernsthaft fragen, ob das überhaupt noch Sinn hat, „fair“ zu kaufen.

Seit geraumer Zeit kaufe ich grundsätzlich FairTrade-Kaffee und auch Tee, Kakao, Schokolade etc. im Glauben, damit den Kleinbauern etwas Gutes zu tun. Jetzt weiß ich, dass ich damit vor allem reiche Konzerne noch etwas reicher gemacht habe! Die Kleinbauern sind nach wie vor arm. Nicht mehr im Elend, aber immer noch arm. Wenigstens gibt es für sie garantierte Preise, wenn der Marktpreis fällt. Aber ich sah auch, dass die Kleinbauern nicht das letzte Glied in der Hierarchie sind. Kleinplantagenbesitzer beschäftigen z. B. auch haiitianische Wanderarbeiter – zu Hungerlöhnen! Ein Besitzer kannte nicht einmal die Namen der fünf Männer, die er beschäftigt, es machte ihm zu viel Mühe, sich „die komischen Namen zu merken“.

In der Sendung habe ich viel Negatives gesehen. Die FairTrade-Arbeitsverträge sind ein schlechter Witz, verglichen mit europäischen.  Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann die Sendung hier nachverfolgen: http://www.arte.tv/guide/de/047127-000/der-faire-handel-auf-dem-pruefstand

Ursprünglich wurde FairTrade für machtlose Kleinbauern konzipiert. Mittlerweile werden auch Großplantagenbesitzer mit „FairTrade-Preisgarantien beglückt“, die das eigentlich nicht nötig haben. Soll ich jetzt noch ein Wort über Monokulturen verlieren? Kann ich mir wohl sparen. Ich möchte gern meinen Kaffee ohne schlechtes Gewissen trinken können.

Fazit: Wenn ich versuche, den wirtschaftlich Schwachen zu helfen, bezahle ich (wir) dafür (!) und es profitiert vor allem der Zwischen- und Endhandel von meinem Wunsch, ein fairer Verbraucher zu sein. Nicht der Kleinbauer. Wieder mal zeigt es sich, dass Kapitalismus über Ethik siegt. Im Kleinen wie im Großen. Was wäre wirklich ein fairer Preis für Kaffee? 20 € das Kilo? 30 €? Könnten dann die Kaffeebauern in Wohlstand leben? Würde der Durchschnittsverbraucher dann überhaupt noch Kaffee trinken können und wollen?

Ich fühle mich zunehmend machtlos. Auch im Hinblick auf den Umweltschutz. Es ist doch so, nüchtern betrachtet, … das Schicksal der Welt entscheidet sich nicht hier im reichen Europa. Wir sind so wenige im Vergleich zu China und Indien! Wenn diese Länder unsere Fehler wiederholen – all die Rücksichtslosigkeit, die Gier, die Kurzsichtigkeit was die Folgen unseres Tun und Lassens angeht – wenn diese Milliarden unseren Lebensstil in aller Konsequenz anstreben, ausleben … dann Gnade uns Gott. (Aber warum sollte er?)

Was wir alle in Wirklichkeit brauchen sind nicht noch mehr Gegenstände, mehr Geld, mehr Karriere, mehr Ruhm, Macht usw. Danach zu streben ist „out“! Man sieht doch, wohin das führt!

Ach ja, wussten Sie schon, dass in unserem Trinkwasser, in Milch, im Bier, in Kosmetika etc. Plastik drin ist? Mikroplastik! Das ist für die Augen unsichtbar in unserer Umwelt. Wir haben es längst in unserem Körper. Der Einzelne kann nichts dafür, wir sind so ahnungslos! Aber dennoch ist dies irgendwie auch „gleiches Recht für alle“ … denken Sie mal an die Unmengen von PlastikMÜLL im Ozean! Die armen Fische und Vögel verenden elendig, weil wir Menschen das Wasser, den Urstoff des Lebens (!), nicht sauber halten. Und nun ist das Plastik auch bei uns angekommen. Voilà!

Lasst uns zu Gärtnern werden! Zu Handwerkern und Künstlern, Forscher, Musiker und Geschichtenerzähler. Lasst uns einander Lehrer, Heger und Pfleger, Heiler sein.

Angemessener Wohnraum für alle auf der Welt, Nahrung, sauberes Wasser, Bildung, Gesundheitspflege, Handwerk und Kunst aufwerten, den Boden auf alte, natürliche Art bebauen, den „Nutz“-Tieren ihre Würde zurückgeben und auch den menschlichen Brüdern und Schwestern, den Raubbau an der Erde stoppen, weiteren Schaden abwenden … das sollte unser vorrangiges Ziel sein. Und massives „Downshifting“, ein Runterschrauben der Ansprüche!

Ist auch das nur eine Illusion? Oder doch ein erreichbarer Zustand?

Ich fürchte, „wir“ werden durch schwere Jahrhunderte gehen, ehe gleiches Recht für ALLE herrscht und es ALLEN dabei gut ergeht.

Im Grunde wollen wir alle doch nur in Frieden und Sicherheit und in guter Gemeinschaft leben – und nicht sinnfrei konsumieren bis der Ast, auf dem wir sitzen und sägen, bricht.

FairTrade im Supermarkt ist für mich keine Option mehr. Ich schau mir mal unseren „Eine Welt-Laden“ an. Und forsche, ob die Kirche es besser macht.