„Grünwalda und das kleine Glück“ – gewidmet den strickenden Damen aus dem Köhlergrund

Grünwalda und das kleine Glück

(geschrieben von Marlies Lüer am 23. März 2017)

 

 

Die kleine Hexe Grünwalda saß verärgert in der Krone einer alten Linde. Der ganze Tag war schon irgendwie höchst unerfreulich verlaufen, aber das hier setzte dem Ganzen die Krone auf! Ihr Besen hatte eine ihr unerklärliche Fehlfunktion gehabt. Er war ins Trudeln gekommen, umso heftiger je näher er dem Lindenhaus kam, wo Mira Mertens wohnte. Schließlich war sie mehr oder weniger abgestürzt und saß nun etwas zerschrammt und atemlos zwischen den grünen, herzförmigen Blättern der Linde und atmete den honigsüßen Duft der Blüten ein.

„Da habe ich aber nochmal Glück gehabt!“, rief sie aus. „Fast wäre ich der alten Mira auf den Tisch gefallen. Was hätten wohl ihre Gäste gesagt, wenn ich ihnen den Löwenzahnlikör verschüttet hätte und das Aprikosenglück-Gebäck zermatscht?“

Unterhalb des Astes, auf dem sie nun sicher mit ihrem breiten Popo saß, raschelte es. Und dann hörte Grünwalda ein leises Kichern. Sie schloss daraus messerscharf, dass es sich wohl kaum um einen Vogel handeln konnte. Aber Eichhörnchen und Kätzchen kicherten auch nicht … Wer versteckte sich dort? Grünwalda nahm ihren Besen zur Hand, drehte ihn um und schob mit dem Stiel einige Zweige zur Seite. Große, goldene Augen blickten sie vertrauensvoll an.

„Ach, du bist das! Hallo, Kleines Glück, ich grüße dich. Was machst du hier im Baum?“

„Das weißt du doch.“

„Ach ja?“

„Ja. Du hast es doch eben selber gesagt: Da habe ich aber nochmal Glück gehabt!

„Ach was, das soll ich gesagt haben? Heute habe ich nur Pech. Mein Besen muss kaputt sein. Dabei ist er nagelneu. Das ärgert mich wirklich. Ich habe schon lange kein Glück mehr gehabt. Seit Wochen passiert mir ein Missgeschick und Unglück nach dem andern. Ein Fenster ging zu Bruch, das Ofenrohr war verstopft, ich hatte Zahnweh, meine Katze hat die Räude bekommen, die Milch ist mir sauer geworden, die ganze Welt ist verrückt geworden, und, und, und … es gibt gar kein Glück mehr!“

Das Kleine Glück kletterte ein Stück weit nach oben und hangelte sich am Ast entlang, bis es neben Grünwalda saß.

„So, du meinst also, mich und meine Geschwister gibt es nicht?“

„Naja, dich gibt es. Du sitzt ja direkt vor mir. Aber das war sicher nur Zufall, dass ich nicht bis ganz nach unten geplumpst bin. Du willst doch wohl nicht behaupten, dass es Glück ist, wenn man abstürzt, weil der dusselige Besen sich nicht mehr konzentrieren kann!“

„Du glaubst also nicht an das Glück, auch nicht an das kleine Glück, mag es verdient oder unverdient sein?“

„Nein!“, brummelte Grünwalda mürrisch.

„Nun, dann werde ich dir jetzt ein Geschenk machen und dir eine Aufgabe stellen.“

„Und das wäre?“, fragte die Hexe interessiert.

Das Kleine Glück überreichte Grünwalda ein Kleeblatt und forderte sie auf, es zu essen. Erst wollte die Hexe nicht, moserte rum, dass es eine Zumutung sei so ohne Öl und Essig. Ihre Laune war wirklich sehr schlecht. Normalerweise war Grünwalda nicht so unfreundlich, sondern eine liebe Hexe. Aber weil sie ihren kleinen, grünen Freund mit den großen goldenen Augen gern leiden konnte, aß sie den Klee. Kaum dass sie ihn hinuntergeschluckt hatte, passierte es auch schon! Sie sah hellgrüne, schimmernde kleine Kugeln umherschwirren. Sie schwebten über den Likörgläsern, über Thaddäus, dem Gartendrachen und auch zwischen den Erdbeerpflanzen.

„Siehst du das, Grünwalda?“

„Ja. Allerdings. Was hat das zu bedeuten?“

„Das musst du selber herausfinden. Flieg übers Land, über die Städte, halte Ausschau nach den grünen Kugeln. Beobachte und lerne! Heute Abend, wenn die Sonne untergeht, treffen wir zwei uns draußen in den Weinbergen. Auf dem Hügel, du weißt schon, welchen ich meine …“

Im nächsten Moment schon war Das Kleine Glück verschwunden und Grünwalda starrte ins Leere. Besser gesagt, sie starrte auf Lindenblätter. Wie sollte sie denn übers Land fliegen, wenn ihr Besen doch kaputt war? Sie nahm in trübsinnig in die Hand und überlegte, ob sie vielleicht Mira beim Kaffeekränzchen stören sollte. Schließlich musste sie irgendwie vom Baum runterkommen. Da fühlte sie ihn sanft vibrieren – er war wieder flugbereit! Was für ein … Glück?

Grünwalda brauste los. Zuerst flog sie über Strümpfelbach und hielt dort nach den grünen Kügelchen Ausschau. Einige konnte sie durchaus entdecken. Sie schwebten hier und dort, aber sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Sie flog weiter und besuchte mehrere Dörfer, Weinberge und ging dann dazu über, Kleinstädte in Augenschein zu nehmen. Verrückt! Überall, wirklich überall waren diese grünen Dinger. Sie sah sie, wenn Leute sich anlächelten, einen Hund streichelten oder an einer Blume rochen. Einen besonders großen sah sie an einem Zebrastreifen, wo fast ein Auto einen Mann angefahren hätte, aber eben nur fast. Sie flog an Hochhäusern vorbei und schaute in die Fenster. Durch eines sah sie eine Frau, die am Computer saß und tippte. Wort für Wort für Wort … Auf der Fensterbank saßen einige Drachenfiguren zwischen Topfpflanzen. Der ganze Raum war erfüllt von grünen Kugeln! Sowas aber auch, dachte Grünwalda und flog weiter bis in den Norden des Landes, wo sie auch ihr Zuhause und liebsten Freunde hatte: In Grünenplan! Einer Eingebung folgend, sauste sie durch die Luft zum Seniorenzentrum Köhlergrund. Auch hier fand sie die schimmernden Kugeln! Sie schwebten über den grau- und weißhaarigen Köpfen der fleißigen Damen mit dem Strickzeug. Sie plauderten angeregt miteinander, während unter ihren Händen die verschiedensten Puppen und Gestalten aus Wolle entstanden. Grünwalda wusste nur zu gut, wieviel Freude diese Arbeit machte. Nicht nur den alten Damen, nein, vor allem auch den Beschenkten!

So langsam dämmerte es Grünwalda, was es wohl mit den Kugeln auf sich hatte, die offenbar nur sie und Das Kleine Glück sehen konnten. Sie lenkte ihren Besen wieder in Richtung Süden. Im Park sah sie einen Opa mit seinen Enkeln auf einer Bank sitzen, sie fütterten Tauben. Auch hier, viele grüne Kügelchen. Sie hatte jetzt genug gesehen und brauste geschwind wie der Wind in die Weinberge zurück, wo sie sich mit dem Kleinen Glück treffen wollte. Die Sonne stand schon sehr tief im Westen. Grünwalda genoss den Flug. Der Wind wehte ihr um die Nase, zerzauste ihr Haar und blies auch den allerletzten Ärger aus ihr heraus, den sie schon so lange mit sich herumgeschleppt hatte.

Schließlich kam sie am verabredeten Treffpunkt an.

Das Kleine Glück wartete schon auf sie. Verträumt sah es den rotgoldenen Himmel an, wo die Sonne und der Tag Abschied nahmen. Grünwalda setzte sich daneben ins Gras und nahm einen Grashalm und kaute darauf herum. Beide schwiegen lange und waren mit sich und der Welt zufrieden.

„Na, meine Liebe? Was hast du heute erlebt und gesehen?“

Grünwalda lächelte warm.

„Ich habe das kleine Glück gesehen. Es ist überall. Ich war so dumm und blind gewesen … ich hätte es auch haben können, aber ich ging immer achtlos daran vorbei, weil mich die Missgeschicke so sehr ärgerten und ich gar keinen Platz mehr ließ in meinem Herzen für die kleinen Freuden des Lebens.“

Das Kleine Glück freute sich über Grünwalda.

„Und weißt du auch, was das große Glück ist? Meinst du, das gibt es?“

Grünwalda nickte bedächtig.

„Ja, mein Freund. Das große Glück sind alle kleinen Glücksmomente zusammen. Was für ein Glück, dass du mir heute begegnet bist. Ich danke dir sehr.“