Die Geschichte vom Eichhörnchen, das anders war

Die Geschichte vom Eichhörnchen, das anders war

Es war einmal ein Eichhörnchen, das hatte einen kerzengeraden starren Schwanz. Dieser Schwanz war buschig und das Fell war rotbraun, aber – er war stocksteif. Seit der Geburt war das so. Mama und Papa Eichhorn waren sehr erschrocken und traurig. Ein solches Eichhornbaby hatte es noch nie in der Familie gegeben! Oma Eichhorn war auch sehr traurig und auch der Bruder dieses Babys.

Mama und Papa Eichhorn brachten ihr Kind gleich am zweiten Lebenstag zu Doktor Eule. Doktor Eule war schon sehr alt und weise. Er würde sicher helfen können, dachten die Eichhorneltern. Als er das Baby mit dem kerzengeraden Schwanz sah, wiegte er bedächtig den Kopf und seufzte ab und zu und dachte lange nach. Schließlich sagte er: „ Wir werden seinen Schwanz fest binden müssen. Jeden Tag ein wenig mehr, bis er eines Tages rund und biegsam ist, wie es sich für ein richtiges Eichhornbaby gehört. Ich schicke euch heute noch, bevor die Sonne hinter dem Brombeerbusch untergeht, meine beste Krankenschwester, Frl. Maus!“ Die Eltern bedankten sich beim alten Doktor und traten, betrübt und erleichtert zugleich, den langen Heimweg an

Zuhause angekommen, legten sie ihr süßes Baby in seine Wiege und gaben ihm seine Nussmilch zu trinken. Dann bereitete Mama Eichhorn das Abendessen für die Familie zu. Es gab geröstete Nüsse in Löwenzahnsoße und Gänseblümchensalat. Kaum dass die Teller leergegessen waren, klopfte es zaghaft an der Baumrinde. Der Papa lief zum Höhleneingang und sah dort eine schüchterne zierliche Maus stehen. „Guten Abend, Herr Eichhorn! Ich bin die Krankenschwester. Doktor Eule schickt mich zu Ihnen“. „Bitte sehr, treten Sie doch ein, wir haben sie erwartet.“ Die Maus nahm ihre aus Gras geflochtene Tasche hoch und huschte in den Baumstamm hinein. Mama Eichhorn hatte derweil schnell die Holzteller abgeräumt und wischte sich die Pfoten an der Schürze ab. „Wir sind ja so froh, dass Sie gekommen sind, liebes Fräulein Maus! Unser armes Baby liegt nebenan in der Schlafkammer“ Leise betraten sie zu dritt die Kammer, während der Bruder raus schlüpfte aus der Baumhöhle, um mit seinen Freunden zu spielen. Das Baby aber schlief gar nicht in seiner Wiege, es schaute vergnügt umher und staunte über die Maus. So ein seltsames Geschöpf hatte es noch nie gesehen (es war ja auch erst zwei Tage alt…!) Frl. Maus machte sich sogleich an die Arbeit. Das Baby war genauso groß wie sie, aber flink hatte sie den Verband angelegt und bog den Schwanz etwas nach innen. Das Baby fing an zu weinen und verstand die Welt nicht mehr. Die Eichhorneltern trösteten es, so gut sie konnten. Frl. Maus aber sagte: „Von nun an komme ich jeden Abend und ziehe den Verband etwas fester, damit der Schwanz in seine naturgewollte Form wachsen kann. Dabei dürfen wir nicht nachlässig werden, sonst wird ihr Kind nie ein richtiges Eichhörnchen.“

Mama Eichhorn fing an zu weinen, sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ihrem lieben Kind jeden Tag Schmerz zugefügt werden sollte. Papa Eichhorn war auch sehr traurig, aber er konnte es nicht zeigen, denn ein richtiger Eichhornmann darf nicht weinen, dachte er. „Frau, bring du unser Kind zu Bett – ich besuche jetzt Herrn Specht, unseren Nachbarn!“ Sprach es und ging.

Am nächsten Tag, als Herr Eichhorn seiner Arbeit als geprüfter Nüsse-Sammler nachging und der Bruder in der Waldschule war, kam Oma Eichhorn zu Besuch und sagte ihrer Tochter: „Komm, lass uns mit dem Kleinen im Wald spazieren gehen. Es wird uns alle etwas ablenken.“ Und als sie so dahingingen, begegnete ihnen die vornehme Nachtigall, die über die Waldgrenzen hinaus bekannt war als Sängerin (es hieß, sogar die Menschen würden ihrem Gesang lauschen!). Angeblich hatte sie schon im Ei gesungen – aber das war nun doch nicht ganz glaubwürdig… Die stachelige dicke Frau Igel begleitete die stolze Nachtigall.

„Guten Tag, Frau Eichhorn! Guten Tag, Großmutter Eichhorn! Was haben sie da für ein süßes Baby?“ Mama Eichhorn hob freudestrahlend ihr Kind aus dem Tragebeutel um es zu zeigen. „Was ist denn das???“ riefen Frau Nachtigall und die Igelin wie aus einem Munde. „Es hat ja einen ganz geraden Schwanz und auch noch einen dicken hässlichen Verband!“ „Nein, welch ein Unglück!“ rief die Nachtigall ganz schrill, was gar nicht zu ihrer schönen Singstimme passte. „Und das in UNSEREM Wald!“ Die Igelfrau stichelte drauflos: „Das ist sicher ihre eigene Schuld. Sie haben wohl faule Nüsse gegessen oder zu viel Brombeerwein getrunken, als sie ihr Kind unterm Herzen trugen?“

Mama und Großmutter Eichhorn waren sprachlos ob so viel Boshaftigkeit. Großmutter rief: „Sie sollten sich was schämen, mein armes Kind so zu kränken – sie hat es so schon schwer genug!“ Aber Frau Nachtigall und Frau Igel taten so, als ob sie es nicht gehört hätten und gingen tuschelnd ihres Wegs. Mama und Oma Eichhorn hatten nun keine Freude mehr am Waldspaziergang. Sie gingen weinend nach Haus und zeigten keiner Tierseele mehr das Baby.

Wie versprochen, kam Abend für Abend Frl. Maus und wickelte den Verband etwas strammer, so dass das arme Schwänzchen sich biegen musste. Und das Eichhornkind begann, die Abende zu fürchten. Eines Tages sagte dann Frl. Maus zur Eichhornmutter, sie müsse sich nun leider auf eine weite Reise begeben, um Mäuserich Karl-Otto zu pflegen, der ihr Bruder war und einer Katze in die Quere gekommen war.

Von nun an musste also die Eichhornmutter abends den Verband selber wickeln und niemand mochte ihr dabei helfen. Das Eichhornbaby wurde von Tag zu Tag unleidlicher und die Mutter immer dicker, weil sie vor lauter Kummer und Schlaflosigkeit den Wintervorrat an Nüssen und Eicheln anknabberte.

Vater Eichhorn konnte das Elend nicht länger mit ansehen und ging fast jeden Abend zum Nachbarn hinüber, um mit ihm ein Pfeifchen zu rauchen und ein Glas Himbeerwein zu trinken, den der Nachbar so vorzüglich zu keltern verstand.

Der Eichhornbruder aber, der war treu und lieb und spielte mit dem Babybruder Tag für Tag.

Aber einen Trost gab es für die Familie: das kerzengerade Schwänzchen war nicht mehr ganz so gerade. Nein, es wurde immer runder, biegsamer und hübscher!

Eines Tages war es dann so weit: das Eichhornkind, das schon lange kein Baby mehr war, war gesund und unterschied sich nicht mehr von seinen Spielkameraden, von denen es freilich nur einige wenige hatte, denn: Wer spielt schon gerne mit einem Eichhörnchen, das mal einen kerzengeraden Schwanz gehabt hatte ?

Mama und Papa Eichhorn waren nun sehr glücklich, dass ihr Kind wie die anderen auch von Eiche zu Eiche springen konnte, ohne zu fallen. Und auch die Großmutter war selig und der Bruder war froh.

Nie aber würden sie die schlimme Zeit vergessen, als das Baby anders als andere gewesen war. Und nie und nimmer würden sie Frau Nachtigall und Frau Igel wieder in ihr Herz schließen können.

Als dann das Eichhornkind alt genug geworden war, seine eigenen Nüsse zu sammeln, verabschiedete es sich von seiner Familie mit einem lachenden und einem weinenden Auge und wanderte in einen anderen Wald. Hier in diesem neuen Wald würde ihn niemand schief ansehen, weil er mal einen „Stockschwanz“ gehabt hatte, denn niemand wusste dort davon.

Und so lebten alle glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

(und weil dies eine wahre Geschichte ist, wird sie heute noch erzählt)