Fiktiver Brief an eine trauernde Freundin

Liebe Freundin,

ich versteh dich so gut!

Es ist wirklich so, wie du es mir in deinem letzten Brief beschrieben hast. Eigentlich wollen „die anderen“ nur hören, dass es einem gut (genug) geht, dann können sie selber ausweichen und bei den schönen Seiten des Lebens bleiben und müssen sich nicht näher mit dem aufgewühltem Gefühlsleben anderer befassen.

Doch kann man es ihnen nicht übel nehmen. Sich auf Trauer – auch aus sicherer Entfernung – einzulassen, ohne Not, ohne dass man selber beteiligt ist, das ist schwer!
Trauer ist nicht Vertrautes in dieser Gesellschaft.
„Früher“ wusste man noch eher aus eigener Erfahrung, wie es um trauernde Mütter und Väter bestellt ist, und man wusste eben, dass es nicht nach dem Trauerjahr, nicht nach drei oder sechs Jahren wirklich wieder gut ist.
Das wusste man! Das akzeptierte man. Tränen konnten ausgehalten werden, weil Tränen so häufig flossen, als die Kindersterblichkeit noch hoch war.

Heute leben wir in einer scheinbaren „Spaßgesellschaft“.
Geld ist gefragt. Erfolg, Leistung, Stärke.

Das Menschliche in seiner Allumfassenheit ist unter den Teppich gekehrt worden.
In die dunkle Ecke geschoben. Da, wo keiner hingucken mag.
Und so sind wir allein mit uns. Allein mit dem Schmerz.
Bei uns ist beides da.
Das Glück des Alltags und der Schmerz über den Verlust leben gleichberechtigt in unserem Herzen.
Das macht uns in der Tat „anders“.
Und dabei sind wir nur Menschen, die menschliches, natürliches Leid bewusst erfahren und durchleben.

Ich denke, wir brauchen Mit-Gefühl. Mit uns selber.
Für die anderen Menschen auch. Denn die sind gleichermaßen „anders“ als wir. Auch sie, die Nicht- (noch nie) Trauernden, stehen außerhalb (!!!)
Sie stehen außerhalb unserer Kreise.

Liebe Freundin, da sind wirklich viele, viele ungeweinte Tränen in uns beiden. Ich fürchte, das ist eine Lebensaufgabe für uns, eine Art Arbeit.
Die Tränen fließen zu lassen und damit Platz zu machen für neue Freude, neuen Lebensmut.

Es dauert! Schau, bei unserem Kind sind es fast 10 Jahre her. Und ich bin immer noch nicht fertig mit Weinen. Ich glaube, das Weinen endet erst, wenn wir selber im Himmel sind und unsere Kinder wieder ans Herz drücken können.

Wir sind eben Menschen. Menschen lachen UND weinen.
Beides ist gleichermaßen wichtig und wertvoll.

richte sie auf