Der Prinz in tiefer Not

Es war an der Zeit, dass der Prinz das Schloss seiner Eltern verlassen sollte, denn der Prinz – so sehr man ihn auch liebte – war ein Ärgernis für den ganzen Hofstaat geworden.

Der Prinz liebte die Jagd und den wilden Ritt, war meist schlecht gekleidet und nahm seine Mahlzeiten lieber beim Küchengesindel ein, anstatt sich zu bemühen, feine Tischmanieren zu erlernen, die Regierungsgeschäfte zu verstehen und die Gesetze des Landes zu studieren.

In seinen ganz jungen Jahren ließ man ihn gewähren; man sagte, er müsse seinen Übermut austoben, aber nun war er längst in ein Alter getreten, welches keinen Aufschub mehr duldete.

Der König lief mit finsterer Miene durchs Schloss und sagte sich, seine Geduld habe ein Ende – jetzt müsse der Prinz in die Zucht genommen werden und wenn der Prinz nicht seinem eigenen Vater gehorchen wolle, dann müsse eben ein harter Lehrmeister in das Leben des Prinzen treten. Morgen schon werde er seine Ratgeber zusammenrufen lassen. Denn: Wie sollte der Prinz jemals das Land regieren, wenn er sich nicht mal selber beherrschen könne?

Bei jedem dieser Gedanken bekam der König ein graues Haar mehr unter der Krone.

Die Mutter des Prinzen aber litt am meisten. Die Königin hatte schon vor Jahren in den magischen Kristall geschaut und hatte gesehen, was auf den Prinzen zukam – und doch konnte sie es nicht verhindern, so sehr es sie auch danach verlangte. Es verlangte sie so sehr danach, in das Rad des Schicksals einzugreifen, dass sie sogar schon versucht hatte, einen Schutzzauber über den Prinzen zu werfen. Aber da sie in der Magie gänzlich ungeübt war, hatte sie bei dem Versuch ihre Kräfte sehr verausgabt und wusste nun nicht mehr ein noch aus.

Wenn der Prinz von einem seiner Ausritte zurückkam, dann lief er zu ihr und sie kleidete ihn sauber ein, wusch und flickte seine zerrissenen Gewänder. Dann kochte sie ihm seine Lieblingsspeisen und streichelte sein lockiges Haar. Und beide waren glücklich. Nie durfte eine Magd diese Dienste für den Prinzen verrichten.

Dann kam der Tag, an dem der König und seine Ratgeber einen Entschluss fassten. Der junge Prinz sollte zu dem alten Meister des Lebens gebracht werden, der einsam auf dem Heiligen Berg wohnte und jedes Jahr nur einen Schüler annahm.

Als der Prinz davon hörte, wurde er noch zorniger und konnte nachts nicht mehr schlafen. Böse Träume quälten ihn. Er fürchtete sich davor, ohne seine liebende Mutter zu sein. Sie allein war es, die sein Leben erträglich machte. Bei ihr fand er innere Ruhe, und sei es nur für kurze Stunden – bis es ihn dann wieder hinaustrieb. Er wusste selber nicht, warum er alle verärgerte, schließlich gehorchte er nur einer inneren Not, die er selber nicht verstand. Und nun wollte man ihn für ein Jahr von der Mutter trennen – wie sollte er das nur überleben?

Die Königin wollte ihr Kind nicht gehen lassen, denn sie wusste nur allzu gut, was auf ihn zukam. Sie wünschte aufs Innigste, sie könnte ihm die harten Lehren ersparen und wusste doch zugleich, dass der Prinz ohne dieses Jahr der Reife niemals das Königreich würde erben können. Oh, wie sehr es sie schmerzte, ihr Kind gehen zu lassen!

Aber es gab keinen anderen Weg.

Es blieb allen nichts anderes übrig, als dieses Jahr der Trennung zu ertragen und zu hoffen, dass der Prinz in der Abgeschiedenheit des heiligen Berges zu sich selber finden würde, auf dass er eines Tages fähig sei, das Königreich zum Segen aller zu regieren.

Der König und die Königin gaben ihrem wilden Kind all ihre Liebe mit, ihren Segen und gute Wünsche. Mehr hatten sie nicht zu geben, denn auf dem Heiligen Berg sind alle Schätze und Reichtümer aus Gold und Silber nur billiger Tand.

So machte sich der Prinz wohl gestärkt auf seinen steinigen Weg zum Meister des Lebens.