Das Gleichnis von der Mauer

Das Innere Land des Lichtes war das Zentrum ihrer Existenz, ihr Leben und alles was sie waren, entsprang aus einer unerschöpflichen Quelle, aus dem Herzen des namenlosen Schöpfers. Sie waren so geborgen und glücklich, wie  Geschöpfe es nur sein können.

Jeder von ihnen war Träger des Lichtes. Es gab große und kleine Lichter, hell strahlende und auch sanft schimmernde, und ein jedes war auf seine Art vollkommen. Zusammen bildeten sie das Volk des Lichtes aus dem Inneren Land. Dies war ihr Name. Sie waren eine Einheit, alle miteinander verwoben zu dem einen großen Licht.

Eines Tages fragten sich einige dieser Lichtträger, ob es denkbar und möglich wäre, dieses Licht in lichtlose Gefilde zu tragen und dort scheinen zu lassen, oder es gar an diesem Ort wachsen zu lassen.

Ei, gab das eine Aufregung im Volke! Dies war ein unerhörter, nie zuvor gedachter Gedanke – und vor allem: es gab doch gar keinen Ort, an dem das Licht nicht wäre! Was für ein Unsinn! Welche Unmöglichkeit! Und es gab doch nur ein Volk, wollten diese Abweichler denn das Innere Land entvölkern?

Doch der namenlose Schöpfer, der jedes seiner Lichtkinder aufs Innigste liebte, erfüllte ihnen ihren Wunsch. Er schuf ein Land, kalt und dunkel, in das sie ziehen konnten, um dorthin ihr Licht zu tragen, zu hüten und zu mehren. Sie bekamen die Erlaubnis, das Innere Land zu verlassen um Antwort auf ihre Frage zu finden, und zwar durch das Instrument der Erfahrung und der Individualität.

So verließen die, die Neues gedacht und gewünscht hatten, ihre Heimat und errichteten eine hohe Mauer hinter sich, auf dass das Licht von der Lichtlosigkeit getrennt sei. Sie wisperten: Es werde Licht! Und ihre eigenen Lichter leuchteten matt und erhellten das zuvor lichtlose Gefilde. Sie wurden nun zu Gärtnern des Lichtes, sie hegten und pflegen es mit Hingabe, denn sie erinnerten sich an ihr Vorhaben in dieser ach so fremden und andersartigen Welt. Sie wollten aus Dank für ihren Schöpfer mit aller Macht, die ihnen gegeben war, leuchten und hier Schönheit und Weisheit entstehen lassen.

Doch mit der Zeit vergaßen sie nach und nach ihre Herkunft und gerieten in Verwirrung. Viele, viele Jahre später nannten sie ihren freiwilligen Exodus „Die Vertreibung aus dem Paradies“. Sie wussten es sich nicht mehr anders zu erklären. Durch ihr Vergessen wurde die Mauer, die sie um das Paradies zum Zwecke der Illusion errichtet hatten, immer dicker und höher. Eines Tages konnten sie nicht einmal mehr fühlen, dass sie Teil des Lichtvolkes waren und sie vergaßen die selbst gewählte Aufgabe, an einem dunklen Ort zu leuchten.

Einige wenige Lichtkinder aus dem Inneren Land, die vom Schöpfer ausgewählt waren, wurden als Boten in das kalte und dunkle Land gesandt, immer dann wenn es am Nötigsten war. Ihre Aufgabe war es, Fenster in die Mauer zu bauen, damit jeder, der es wünschte, einen Blick auf die alte Heimat erhaschen konnte. So wurden viele Bewohner des Dunkellandes zu Sehenden, und ihr Licht flackerte nicht länger, sondern es wuchs und erstarkte mit jedem weiteren Blick durch das Fenster.

Diesen Fenstern wurden sogar Namen gegeben. Alle Namen enthielten auch die Silben: „re-li-gio“.

Es gab verschiedene Fenster, sie unterschieden sich in Form, Farbe, Größe und dem Grad an Klarheit. Manche Fenster waren leicht zu erreichen und einzusehen, aber durch sie konnte man nicht weit ins Innere Land blicken. Andere Fenster wiederum, hoch oben in der Mauer errichtet, boten einen größeren Einblick, aber sie waren schwer zu erreichen. Nicht jeder Suchende des Dunkellandes wollte sich die Mühe machen, eine Leiter zu erklimmen.

Für jeden, der zu Sehen wünschte, gab es das passende Fenster, alle waren daher gleichermaßen richtig und wichtig. Jedes zeigte einen Teil der Wahrheit über das Innere Land. Leider fingen einige, und später viele, Dunkellandbewohner an zu streiten, welches der Fenster das Schönste und Beste sei und meinten, nur das Fenster ihrer Wahl würde die Wahrheit zeigen. Dieser Streit, der jahrhundertelang tobte, brachte es mit sich, dass die Fenster sich verdunkelten. Sie wurden vom durch den Streit aufgewirbelten Staub schlierig und stumpf, und es wurde so immer schwieriger, einen unverstellten Blick auf die Heimat werfen zu können.

Einige wenige versuchten, die Fenster zu putzen, aber sie wurden von den meisten Dunkellandbewohnern verspottet. „Was macht Ihr Euch diese unnütze Arbeit? Es wird ja doch bald wieder schmutzig!“ So sprachen sie und vergaßen erneut ihre Heimat und hielten das, was man noch durch die Fenster sehen konnte, für Blendwerk.

Einige gingen sogar so weit, dass sie die Fenster, die von den Boten des Großen Lichtes errichtet worden waren, wieder zumauerten und sie sprachen: „Allein das Dunkelland ist unsere Heimat, es existiert kein Land des Lichtes. Wir sind das einzige Licht in dem einzig existierendem Land!“

So kam eine große und lang andauernde Finsternis über dieses Land und seine Bewohner.

Doch erneut und unermüdlich sandte der Herrscher des Inneren Landes seine Boten aus, denn er liebte sein Volk, seine eigenen Kinder, die einst ausgezogen waren, um tapfer in der Dunkelheit ein Licht zu sein. Die neuen Boten waren anders. Sie bauten keine Fenster in die Mauer, sie waren selbst „Fenster“.  Sie bargen in ihren reinen Herzen ein eigenes, unzerstörbares Fenster, durch das stetig das Licht des Inneren Landes strömte.

Dieses Licht trug den Namen LIEBE.

Es war das schönste und wärmste Licht, dass je im Dunkelland gesehen wurde. Es war Nahrung für die Seele. Jedes Mal wenn eines dieser Kinder mit seinen kleinen, zarten Händchen das versteinerte Herz eines Dunkellandbewohners berührte, öffnete sich ein Fenster in dessen Brust. Und dann konnten diese durch das eigene Fenster in das Innere Land blicken und erkannten sich selbst! Sie wussten wieder, wer sie waren, woher sie kamen und wohin der Weg sie führen würde.

Und der namenlose Geist Gottes strömte so in das Land aus und es verbreitete sich ein süßes Sehnen nach der alten Heimat.

Es vergingen 1000 und mehr Jahre, dann war es soweit, dass alle Dunkellandbewohner von innen heraus leuchteten. Und es wuchs an zu einem großen, strahlenden Licht, das auch den letzten Rest Dunkelheit erfüllte und wandelte – und die Mauern fielen.

Und es war Frieden auf Erden und den Menschen und allen anderen fühlenden Lebewesen ein Wohlgefallen!

Das Innere und das Äußere Land wurde EINS, sie verschmolzen zu einem noch größeren Inneren Land der Liebe und des Lichtes. Und so entstand das Paradies aufs Neue und die Freude des Lichtvolkes und seines Schöpfer war unermesslich groß!

Das Abenteuer „Leben als Mensch auf der Erde“ hatte sich wahrlich gelohnt, denn nun war das Innere Land noch größer, noch heller und noch schöner und reicher als in den Tagen bevor der nie zuvor gedachte Gedanke das erste Mal gedacht worden war.