Auszug aus meinem Roman „Miras Welt“

Mira Mertens ist eine (fiktive) alte Dame, die in ihrem Leben schon viel durchgemacht hat. Sie beantwortet hier eine Anfrage vom örtlichen Hospiz, das authentisches Unterrichtsmaterial für seine Schüler sucht, in Form eines Interviews.

Ich denke, Miras Antworten sprechen für sich. Vielleicht können Sie das eine oder andere für sich mitnehmen.

NEU

 

 

 

 

„Wie haben Sie die furchtbaren Erlebnisse rund um den Tumor und den frühen Tod Ihres Sohnes verarbeitet?“

Ich habe es verarbeitet, indem ich es erzählt, vor allem aber aufgeschrieben habe. Ich habe das Geschehen in eine handhabbare, lesbare Form gebracht, habe es immer wieder von Neuem betrachtet, durchdacht, durchfühlt, durchleuchtet – habe nach dem Sinn des Ganzen gesucht. Habe mich geprüft: Gab es Versäumnisse meinerseits? Hätte ich es besser machen können? Hat es Auswege gegeben oder war sein Tod unvermeidbar? Warum war meine Liebe so (scheinbar) machtlos gewesen?

Ich habe mich sogar überwinden können, einen für meine damaligen gesellschaftlichen Kreise ungewöhnlichen Schritt zu gehen: Ich hatte ein Medium beauftragt, mit dem Jenseits Kontakt aufzunehmen. Ich hatte das Glück, an ein seriöses Medium zu geraten. Danach hatte ich noch zweimal andere Medien beauftragt (diesmal für deutlich weniger Geld, das erste war recht teuer). Und seit ich die ersten Antworten der jenseitigen Helfer hatte und sogar Martins eigene Worte übermittelt bekam, war es leichter, denn nun wusste ich um den wahren Sinn des Geschehens und auch um meine eigene Bestimmung. Ab dem Tag begann meine Heilung. Das aber war nicht genug für mich. Ich war eine Suchende geworden, las ein Buch nach dem anderen im Lauf der vielen Jahre, welches in Zusammenhang stand mit Sterben, Tod und Trauer, Jenseits, Engel, Himmel und Seele, Medialität.

Was für ein enormer Trost das für mich war! Ich fühlte mich verstanden! Ich las viele Bücher. Auch einige über Astralreisen und Schamanismus, nicht zu vergessen: christliche Mystik, deren sprachliche Schönheit einfach eine Wohltat war. Langsam formte sich ein relativ stabiles Bild des Jenseits in mir. Gleichermaßen wuchs mein Interesse an den verschiedenen Lichtwesen in der geistigen Welt. Ich lernte, meinen eigenen medialen Erlebnissen mehr zu vertrauen, vor allem den Traumbotschaften.

„Was können Sie anderen Menschen mit auf den Weg geben, die Ihre seherischen Kräfte nicht haben? Wie können sie mit dem Tod umgehen?“

Ich habe oft mit anderen Trauernden gesprochen, Briefe geschrieben, habe versucht, Trost zu spenden. Oft gelang es mir, aber nicht immer. Ich habe von meinen medialen Erlebnissen offen berichtet, im Glauben, das würde helfen. Aber manchmal stieß ich gerade deswegen auf Ablehnung oder Unglauben. Oder ich machte andere ungewollt traurig, denn sie hatten ja nicht die Gnade erfahren, ihre Lieben noch einmal zu sehen, zu hören, gar zu fühlen. Sie fragten sich wohl: Was hat sie, das ich nicht habe? Habe ich es denn nicht verdient, noch einmal Kontakt haben zu dürfen? Danach wurde ich vorsichtiger, formulierte allgemeiner. Ich werde aber nie aufhören zu sagen: Die Toten sind nicht „tot“, sie leben jetzt nur in einer anderen Form, an einem anderen Ort weiter. Und auch wir werden nach unserem irdischen Tod dorthin gehen. Jede Seele hat ihre passende „Wohnung“ im Himmel. Unsere unsterbliche Liebe zueinander weist uns den Weg, vereint uns.

Wie „Nichtsehende“ mit dem Tod umgehen können? Nun, was soll ich sagen? Ich wünsche mir für die Menschen, dass sie Vertrauen haben können in das, was „Sehende“ ihnen erzählen. Es sollte kein blindes Vertrauen sein, aber ein offenes Aufnehmen. Die Worte sollten im Herzen gewogen und geprüft werden. Es gibt leider auch weniger gute Medien, die nicht den Menschen dienen sondern eher ver-dienen an den Trauernden. Darum ist mein Rat, falls auch Sie ein Medium beauftragen wollen: Hören Sie sich vorher gut um, fragen Sie die Leute, welche Erfahrungen sie gemacht haben mit dem Medium ihrer Wahl. Heute gibt es ja das Internet! Und vor allem: Geben Sie dem Medium keine Vorinformationen, die über den Namen und das Geburts- und Sterbedatum hinausgehen, sonst werden Sie u. U. immer zweifeln, ob die Botschaften echt sind oder nur geschickt formuliert. Hören Sie gut hin, ob Ihnen nur Allgemeingültiges gesagt wird oder ob das Medium Sachverhalte benennt, die nur Sie wissen können, und ob die Äußerungen des Verstorbenen für ihn typisch sind. Hören Sie gleichzeitig auf Ihr Gefühl. Wenn der Kontakt echt ist, dann werden Sie es erkennen!

Immer mehr Menschen sprechen offen über diese Themen, die vor wenigen Jahrzehnten noch Tabuthemen waren. Hören Sie immer auf Ihr Herz und Ihre innere Stimme. Versuchen Sie bitte, an die göttliche Liebe zu glauben und an ein Weiterleben im Jenseits. Es ist wahr!

Eines muss aber klar sein: Auch ein fester Gottesglaube und mediale Fähigkeiten schützen nicht vor der Wucht und Gewalt des Trauerschmerzes! Darin sind alle Menschen gleich. Ich habe furchtbar gelitten. Doch Glaube und Gabe schenkten mir die Kraft, es durchzustehen und die Energie der Trauer zu wandeln in neue Lebensfreude. Langsam, Schrittchen für Schrittchen, kehrte ich in ein neues Leben zurück. Ich selbst hatte mich gewandelt, war nicht mehr der Mensch, der ich vor diesem 18. Mai war. Das ist wohl auch eine Art der Auferstehung. Ich starb mit meinem Kind, und ich erschuf mich mit Gottes Hilfe neu. Ja, ich bin neu geboren!

Man sagt zum Schicksal: „Da! Nimm doch auch den schäbigen Rest von mir, ist eh nicht mehr viel von mir da.“ Und dann geschieht das Wunder! Ganz langsam, so langsam, dass man es kaum merkt, wächst da ein neuer Mensch heran, mitten in einem drin. Erst ist er ganz klein und zaghaft, macht sich kaum bemerkbar, bis er schließlich größer, kräftiger, schöner und strahlender ist, und dann kommt irgendwann der Tag, an dem er sagt: „Hallo, da bin ich. Ich bin DU, und wir sind ein Team, wir sind jetzt EINS, wenn du „mir-dir“ die Hand reichst.“

„Was war das schönste Erlebnis mit Martin?“

Das schönste Erlebnis? Ach, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, wann ich besonders glücklich war: Immer wenn er lachte! Er hatte ein so wundervolles herzliches Lachen. Seine Stimme war hell und lieblich. Er war so voll sprühender Lebensfreude in guten Momenten, dass er ein Labsal für mich war in all seiner Seelenschönheit. Er war dann wie einer dieser glücklichen Buddhas, die man in Asien sehen kann: in sich ruhend, glücklich, aus dem Bauch heraus lachend, voll der Fülle menschlich-göttlicher Freude! Ja, immer wenn ich teilhaben durfte an seiner ungebrochenen Lebensfreude, dann war das jedes Mal das schönste Erlebnis. Das wichtigste schönste Erlebnis hatte ich aber, als er krebskrank war. Er sagte plötzlich: „Abgesehen davon, dass ich todkrank bin, ist mein Leben schön!“ Dieser eine Satz war es, der mich in all den Jahren nach seinem Übergang in den Himmel am Leben erhielt. Er hatte trotz all dem Grauen ein schönes Leben gehabt! Und ich war daran beteiligt, war unverzichtbarer Teil seines schönen Lebens gewesen. Das macht mich glücklich und zufrieden.

„Welcher mediale Traum war Ihrer Meinung nach der bedeutsamste? Hatten Sie nach seinem Tod auch noch weitere prophetische Träume?“

Der für mich wichtigste Traum war wohl der vom grünen Zweig. Ich will ihn gerne mit Ihnen teilen. Er ging so:

Ich war mit Martin in einem Krankenhaus. Er war tot. Seine Leiche war in Tücher gewickelt und sollte vom Beerdigungsinstitut abgeholt werden. Ich wollte ihn aber nicht so „schmucklos“ gehen lassen, ich wollte ihm gern eine Blume auf die Tücher legen, hatte aber keine. Da stand dann auf dem Flur ein großer, teurer exotischer Strauß, der einem anderen Patienten gehörte. Kurz kam ich in Versuchung, eine dicke Blüte abzubrechen, entschied mich dann aber dagegen, weil der Strauß ja nicht uns gehörte. Ich ging nach draußen UND BRACH EINEN GRÜNEN ZWEIG VOM STRAUCH (Man beachte die Symbolik! Ich hörte diesen Satz auch als „Kommentar aus dem Off“).
Ich ging damit zu ihm zurück, der Bestattungsunternehmer und die Krankenschwester schauten mich komisch an und ich wusste, irgendwas ist jetzt los. Ich sah dann, dass sie seinen Oberkörper aus den Tüchern gewickelt hatten, denn ER LEBTE WIEDER!!! Ich sah wie die rosige Farbe in seine wächsernen Wangen zurückkehrte, er regte sich, schlug die Augen auf und fragte: „Was ist denn los?“ Ich sagte: „Martin, du warst tot! Und jetzt lebst du wieder!“ Er grinste mich an und bewegte seine vormals gelähmten Arme. Ich sagte: „Das bringst aber auch nur du fertig!“ und freute mich. Martin freute sich auch riesig und klopfte sich erregt auf die Brust und lachte sein für ihn so typisches „He-He-He“, ganz so wie im Leben. Er freute sich wie ein Schneekönig, was ihm da wieder Tolles gelungen war!
In diesem Traum war sein Wesen so stark zu spüren, sein Humor, seine Lebensfreude! Das war wirklich Martin, wie er leibte und lebte. Ich wachte aus diesem Traum auf mit einem starken Gefühl des Amüsiert-Seins. Ich fand das Ganze genauso „lustig“ und bemerkenswert wie er. Dieses Gefühl hielt noch lange an.
Ich dachte damals, eigentlich müsste ich doch jetzt im Wachsein „am Boden zerstört sein“, denn im Traum lebte er wirklich. Doch ich musste ins irdische Wachsein zurückkehren, und hier lebte er nicht.
Doch damit konnte/kann ich leben, ohne traurig oder enttäuscht zu sein.
Die Auferstehung von den Toten ist wahr. Dieser Traum zeigte es mir ganz deutlich und auch sinnlich wahrnehmbar, dass Martin wirklich zum Leben wieder erwacht ist. Nicht auf dieser irdischen Ebene, sondern im Bereich der Existenz, den ich gern „Himmel“ nenne. Er lebt auch in meiner Seele. Die Seele, das ist das Bindeglied zwischen „hier und dort“. Sie ist die Brücke zwischen den Welten. 
In einem anderen Traum teilte mir Martin mit, dass er sich selber jetzt voll und ganz annehmen und lieben kann (auf irdischer Ebene hatte er damit große Schwierigkeiten). Das Traumsymbol, das er dafür verwandte, waren selbst gestrickte Socken und Stricknadeln in seiner Hand! Er verabscheute nämlich zu Lebzeiten seine Klumpfüße, und dass er sich nun selber schützende und schmückende Socken für seine Füße gestrickt hatte, das zeigte mir, dass er sich nun selber lieb hat.

Dieses Traumsymbol der Socken war speziell für mich, denn nur ich konnte das verstehen.

Ein bedeutsamer prophetischer Traum, lange nach seinem irdischen Tod, war dieser hier, er betraf nicht Martin, sondern seine Familie:

Ich ging in der Abenddämmerung am Fluss entlang nach Hause. War es ein Geräusch wie von Flügeln, das mich hochblicken ließ? Oder war es ein innerer Impuls? Dort oben am Himmel flogen drei Phönixe!

Sie waren sehr groß, sie waren majestätisch, Ehrfurcht gebietend und schön. Sie kreisten über mir und flogen dann in Formation Richtung Süden. Ich dachte: „Oh, es gibt sie ja wirklich! So sehen sie also aus.“ Ich war glücklich. Dann wachte ich auf.

Dieser Traum ist auch in Erfüllung gegangen. Etwa zwei Jahre später siedelten wir drei nach Süden um, in die Weinberge Baden-Württembergs.

„Was hat Ihnen am meisten geholfen, seelisch zu überleben?“

Liebe! Auf alle Fragen des Lebens ist die selbstlose Liebe und ihr Licht die große Antwort. Wiegen Sie diese Worte in ihrem Herzen, und sie werden verstehen.

Was mir sehr geholfen hat, waren die Antworten aus der jenseitigen Welt. Warum Martin ein Leben voller Leid gewählt hatte, wofür er das erleben wollte. Die Sinnhaftigkeit, die ist es, die mir half! Weil ich erfahren durfte, dass alles seine Richtigkeit gehabt hatte. Ich wünschte mir oft, es hätte einen anderen, leichteren Weg für uns alle gegeben. Aber genauso wie es war, war es gewollt und zielführend gewesen. Ich frage mich, ob einst der Tag für die Menschheit kommen wird, da alle Trauernden, die es wünschen oder brauchen, diese Botschaften erhalten.

„Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Das Licht (die Liebe Gottes) ist letztlich immer stärker als Not, Verzweiflung und Finsternis.

Wir konnten für Martin im Endstadium nichts tun, außer sein Leid mit Liebe zu lindern, eine sehr gute Pflege zu gewährleisten und Gott um einen baldigen erlösenden Tod bitten. Und, was als Erkenntnis auch ganz wichtig ist: Immer wenn es am schlimmsten war, dann waren die Geister Gottes spürbar bei uns! Dann kamen die Botschaften, die Zeichen, die Begegnungen. UND! Was ich mitten im Elend mit Erstaunen erkannte: Das SCHÖNE auf der Welt BLEIBT schön und gut, es ist alles noch da, die „Finsternis“ kann dem Licht nichts anhaben. Wissen Sie, wie SCHÖN und WUNDERVOLL ein einziges kleines Gänseblümchen ist? Als unser Junge nach wochenlanger Intensivstation das erste Mal im Rollstuhl nach draußen geschoben werden konnte, es war Frühling, da sah er ein Gänseblümchen, wie es „wirklich“ ist – und ich sah durch seine Augen! Ein magischer Moment. All die Schönheit dieser Welt, und sei das „Ding“ noch so einfach, das alles ist ein Geschenk Gottes für die Menschen. Man muss nur fähig sein, das alles zu erkennen und wertzuschätzen! Dann ist das Werk getan.

 

Das ist alles, was ich dazu sagen kann.