Allerlei Mittelalterliches aus der Stadt Isny

Mein Mai-Blog ist ein Reisebericht, basierend auf den 132 neuen Fotos in der Rubrik „SehensWertes“.

Ich war mit einer Reisegruppe in Isny (Allgäu). Die Berge, die wir von Weitem sahen, waren noch schneebedeckt.

Wir hatten zuerst eine private Führung durch die Prädikantenbibliothek in der Nicolaikirche, die in der Reformationszeit zur evangelischen Stadtpfarrkirche wurde. 1284 brannte sie das erste Mal ab, auch der größte Teil der Stadt und das Kloster. 1472 wurde der Kirchturm rundum erneuert, vermutlich stammt aus der Zeit die „Predigerbibliothek“, ein Studierstübchen, oberhalb der Sakristei. Man gelangt über eine äußerst schmale und steile Steintreppe nach oben, vom Chorinneren der Kirche aus durch eine Eisentür. Licht? Nein. Es ist stockfinster auf der Treppe.

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Ich muss sagen, es war ein besonderer Moment für mich als Bücherfreundin, dort zu sein und Bücher und Folianten zu sehen, die älter als 500 Jahre alt waren. Wenn man diese Schätze aus alter Zeit vergleicht mit dem, was heute so über den Ladentisch geht, dann wird einem klar, wie sehr der Wert des Buches verfallen ist. Früher waren sie selten, in langwieriger Handarbeit geschrieben und gebunden, echte Kostbarkeiten. Es war ein Privileg, lesen und schreiben zu können und Zugang zu Büchern zu haben.

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Auf diesem original Teppich aus dem Mittelalter werden die Bücher präsentiert:

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Die über drei Meter hohen Stehregale sind bis zur Decke gefüllt mit Buchbänden, fein säuberlich geordnet.

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Die Bibliothek diente zur Predigtvorbereitung und auch zu wissenschaftlichen Zwecken. Der Grundstock basiert auf einer Stiftung des Isnyer Pfarrers Konrad Brenberg.
Die Sammlung umfasst Schriften von Martin Luther, Philipp Melanchthon und Ulrich Zwingli sowie Handschriften und Wiegendrucke aus der Zeit nach der Erfindung des Buchdrucks (1450 bis1500), eine wertvoller wie die andere.

Viele Hundert Jahre lang waren die Bücher perfekt klimatisiert in diesem altehrwürdigen Raum – bis schließlich die Kirche „energetisch optimiert wurde“. Seitdem ist der Raum zu feucht und ein entsprechendes elektrisches Gerät musste aufgestellt werden. Ein Fremdkörper in dem sonst zu 100% authentischem Raum. Hinter den Buchreihen liegt – Hopfen! Dieser hält Schädlinge und Feuchtigkeit fern. Es werden alle 10 Jahre 3 Kilo Hopfen hinter die Bücher gestreut.

 

Buch aufschlagen

 

 „Schlagen Sie das Buch auf!“ Früher musste man diese Aufforderung wörtlich nehmen, denn Bücher waren zum Schutz vor Mäusefraß und Feuchtigkeit mit einer Spange verschlossen. Haute man mit der Faust auf das Buch, so sprang es auf.

 

 

 

 

Im Fotoordner „Isny“ werden Sie u. a. ein Bild von der Arche Noah finden. Schauen  Sie genauer hin! Es wird sie sicher amüsieren, eine Meerjungfrau in den Wellen neben der Arche zu entdecken. Wie schade, dass sie nicht auf die Arche mitdurfte …

Früher hatten viele kein Geld für Bücher zum Studieren. Wir haben ein 540seitiges Buch gesehen, dass ein 15jähriger Lateinschüler eigenhändig in 54 Tagen kopierte. Pro Tag 10 Seiten. Wo er sich verschrieb, malte er kunstvoll ein frommes Bildchen über das Malheur. „Papier“ war extrem teuer.

Die Nicolaikirche hat eine bewegte Geschichte. Sie ist nicht nur mehrfach abgebrannt, sie ist innerlich auch eingestürzt. Das kam so, wie wir während der Stadtführung erfuhren. Der reiche und mächtige Kaufmann Albrecht hatte eine sehr dicke Ehefrau, Susanna. Es wird erzählt, dass sie in ihrem Kirchenstuhl neben einer Säule nicht genug Platz hatte aufgrund ihres Leibesumfanges. Also verlangte der Handelsherr, dass die Säule ausgekerbt würde, was der Stadtrat aber empört ablehnte. Doch leider besaß Albrecht ein Druckmittel: Die Stadt hatte einen hohen Kredit bei ihm, und er drohte mit dessen Kündigung. Also gab man seinem Begehr nach und genehmigte eine Verringerung der Säule um 2 Fingerbreit. Der Handwerker aber haute viel, viel mehr aus dem Stein. So kam es, dass nach etwa zwei Wochen die Säule an Stabilität verlor, einstürzte und einen Domino-Effekt auslöste! Sie riss eine Säule nach der anderen um, bis schließlich sogar die Orgel, hoch über dem Kirchenschiff thronend, einstürzte. Gott sei Dank geschah dieses zu nachtschlafender Zeit, und kein Mensch kam zu Schaden. Albrecht wurden die Reparaturkosten aufgebrummt, aber er zog es vor, sich mit Kind und Kegel in die Schweiz abzusetzen.

Mehr Informationen über die Altstadt und Geschichte Isnys bietet u.a. diese Seite: „Klick“

 

Von der freundlichen Stadtführerin erfuhren wir noch allerlei. Früher kümmerte sich die Obrigkeit der Stadt um zankende Eheleute. Ja! In der Tat. Wenn Nachbarn sich beschwerten, über allzu lauten Zank, dann wurde das Paar „eingelocht“ im wahrsten Sinne des Wortes. Innerhalb der Stadtmauern lagen 16 Gefängnisse, Löcher im Steinboden. Die Delinquenten wurden, auf einem Stuhl sitzend, an einem Seil herabgelassen. Daher stammt übrigens der heutige Begriff „Fahrstuhl“! Sie fuhren damit nicht hinab zur Hölle, nur ins Loch, mit einem Strohlager und einer Decke. Erst wenn die Eheleute sich wieder einig waren, durften sie zurück nach Hause.

Früher war es sehr leicht, ins Gefängnis zu wandern. Eingelocht wurde, wer öffentlich fluchte, wer seinen Nachbarn nicht grüßte (kein Scherz!), und auch Väter, die keinen Unterhalt für uneheliche Kinder zahlten. Wenn sie sich eines Besseren besannen, wurden sie von der Stadtwache vom Gefängnis direkt zum Altar in die Stadtkirche gebracht, wo die Mutter und künftige Gattin schon wartete. Über die Qualität dieser Ehen darf spekuliert werden.

Wissen Sie, woher das Wort „Torschlusspanik“ kommt? Wir Isny-Reisenden wissen jetzt Bescheid. Im Mittelalter läuteten am Abend zum Sonnenuntergang die Glocken und die Bauern mussten sich dann sputen, von ihren Feldern heimzulaufen. Denn, wer es nicht rechtzeitig schaffte, der stand vor verschlossenem Stadttor und musste einen Torgroschen zahlen, wollte er die Nacht nicht vor der Stadtmauer verbringen. Da gab es kein Pardon! Also rannten alle panisch zum Tor, wenn die Glocken riefen. Torschlusspanik!

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Der „Brunnen“ nahe der Stadtmauer hinter dem Espantor, bestehend aus einer Kuh, einer Katze und einem Bürokraten auf seinem Drehstuhl, ist ein Kunstwerk, das durch die löchrigen Eimer deutlich zeigt, dass der Bürger von der Obrigkeit gemolken wird und letztlich alles für die Katz‘ ist.